Oliver Nutz
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kunst ist eine glücksstrategie. alles andere wäre lächerlich. glück hieß früher, in mittelhochdeutschen zeiten, gelück. der rest liegt auf der hand: gelücklich ist, wem es gelingt, sich offen zu halten, öffnungen, lücken eben, zu pflegen. künstler waren schon immer eher undichte, poröse figuren. wogegen für harsche zeit-genossen alles per zahl und zeit kontrollierbar sein muss. wie aber funktioniert die zahllose zahl, wie die zeitlose zeit, das formlose bild? es ist das pure pigment, das oliver
auf eine ungrundierte leinwand aufträgt, mit einem weichen pinsel trocken verstreicht. „vertreiben“ heißt der terminus. die farbe wird also nicht fixiert.
es gibt keinen abschluss. keine vernissage. das versiegeln kommt für oliver und seine bilder nicht in frage. er lässt die farbe frei. kein motiv, keine komposition. malerei, beinahe formatfüllend, monochrom. sonst nichts. und doch eindeutig malerei. keine minimalistischen farbproben, keine konzeptuellen sturheiten. bei genauer betrachtung durchaus gestische bewegungen, doch sehr verhalten. subtilste klänge. olivers monochrome fast-nicht-malereien gibt es in nur wenigen farben. hin und wieder rückkehr zum weiß, dem er über jahre als einziger „farbe“
die treue gehalten hat. was bei olivers bildern so anmutig, spielerisch, vielleicht abgehoben, jedenfalls leicht aussieht, entsteht in einem von außen schwer nachvollziehbaren ringen. kampf will ich nicht sagen. in manchem künstlerischen lebenswerk werden die bewegungen allmählich leicht, liquide. von anfang an geht das, meine ich, fast nie. das ringen in der kunst beschreibt marcus steinweg als „zwingen und würgen der wirklichkeit, damit sie das imaginäre, das utopische,
das zukünftige ausspuckt.“ das gegenstück zur ringenden und würgenden kunst,
und doch damit auf paradoxe art verwandt wäre so etwas wie selbstverständliche kunst, selbstverständlich wie gehen ... wie oliver es manchmal bezeichnet.
mit malen so selbstverständlich wie gehen, meint er etwas anderes. vielleicht
die beiläufige überwindung der melancholie angesichts entfremdeten lebens, angesichts der erloschenen feuer, der verlorengegangenen selbstverständlichkeit ungebrochener wirklichkeit: kunst ohne thematisierung von anfang und ende.
immer plateau. selbstverständliche, unaufgeregte erregung. ohne geschrei, ohne kompositorische frömmelei. wie musik von morton feldman.kunst als produktive, friedliche revolution. revolvere: zurückdrehen der zeiten, räume, dinge, umstände, bis wir dort ankommen, wo noch alles wirklich ist. vielleicht noch ohne sprache.
doch nicht wortlos. nicht ohne sich zu artikulieren, zu kommunizieren. nahe dem ersten wort. logos. oliver betreibt malerei als sehr ernsthafte askese, diszipliniertes üben, auch nicht-üben ... sein geduldiger umgang mit einer einzigen farbe gewährt dieser alle zeit, bis sie schließlich ihren ursprung im ganzen, das ich jetzt nicht einfach licht nennen will, preisgibt. die anordnung seiner malutensilien am fußboden seines ateliers wirkt auf mich, als gehorchten die dinge einer unausgesprochenen raumliturgischen rubrizistik. und wenn ich sage, dass die zeit beim betreten
seines atelierraumes fast augenblicklich erlischt, klingt das pathetisch, stimmt aber insofern, als das schlichte setting spürbar präsenz einfordert und gleichzeitig leicht macht. einmal, als john cage die eingangstür zu einem restaurant öffnete, fragte ihn ein freund, worin der unterschied zwischen gewöhnlichem eintreten und dem eintreten als künstlerischer aktion liege. seine spontane antwort war: if you celebrate it, it’s art: if you don’t, it isn’t. feiern meint hier wohl totale öffnung auf das potenzial des gegebenen augenblicks. die geschilderte situation lässt sich auf jede tätigkeit, auf beinahe jeden moment des tages übertragen. die diskrete ritualisierung eines geschehens kann dieses den konditionierungen, abstumpfungen und einengungen der alltagsroutine entziehen und ins offene zurückspielen. kunst lebt vom schauen; hören ist mitgemeint. in unserer macherwelt begreift kaum noch jemand, was das heißt: schauen. diese vielleicht stillste tätigkeit ist zugleich die mächtigste.
leo zogmayer